MAN SL 200 (Tirschenreuth, TIR-223, 1979)

Die passende Ergänzung zu Wagen 7 – das Pendant von MAN

Eher zufällig – unverhofft kommt halt doch zu oft – gelangten wir zu diesem Wagen und erweiterten den Fahrzeugbestand damit um das erste Fahrzeug, welches zu seiner aktiven Zeit nicht in Bayreuth unterwegs war. Aufgrund des Einsatzes in der näheren Umgebung und der bemerkenswerten Historie mit effektiv nur zwei Haltern, davon einer Kommune, fiel der Entschluss jedoch nicht schwer, auch diesen Wagen in unseren Bestand zu bringen, zumal damit ein bemerkenswertes Stück Regionalgeschichte über eine relativ ungewöhnliche Art, freigestellten Schulverkehr effektiv zu erbringen, erhalten bleibt… Aber beginnen wir von vorne.

Die Schulbusse des Marktes Mähring

Die Durchführung des freigestellten, also nicht in eine öffentliche Linie integrierten Schulverkehrs obliegt in Deutschland stets der Kommune, auf deren Gebiet der Schulstandort ansässig ist. Der Markt Mähring, im oberpfälzischen Stiftland an der Grenze zur Tschechischen Republik gelegen, hatte ursprünglich drei Grund- und Hauptschulen, nämlich in Mähring, Großkonreuth und Griesbach. Als Besonderheit wurde der Schulverkehr durch den Markt jedoch nicht an ein örtliches Busunternehmen abgegeben, sondern in Eigenregie betrieben.
Im Jahre 1979 stand die Beschaffung neuer Schulbusse an. Die Wahl fiel dabei auf zwei fabrikneue MAN SL 200, die am 12.10.1979 mit den Behördenkennzeichen TIR-223 bzw. TIR-230 zuerst noch auf den Landkreis Tirschenreuth zugelassen wurden, jedoch bereits auf dem Gebiet des Marktes Mähring stationiert waren: TIR-230 gelangte dabei von einem Anwesen in Frauenreuth aus, TIR-223 von Griesbach aus zum Einsatz. Beide Busse wurden von Landwirten nebenberuflich gefahren, wodurch die Kommune das Problem, zwei Fahrer für wenige schultägliche Einsatzstunden vorhalten zu müssen, umgehen konnte. Die Wartung und Reparatur der Fahrzeuge konnte auf dem Betriebshof der Eska Stiftland-Kraftverkehr GmbH in Tirschenreuth durchgeführt werden.
Im Jahre 1983 ist zumindest von unserem Wagen TIR-223 die Ummeldung unter Beibehaltung von Kennzeichen und Einsatzgebiet vom Landkreis Tirschenreuth auf den Markt Mähring bestätigt.
Über den Zeitraum der Sommerferien erfolgte stets die Abmeldung des Busses, wobei im Laufe der Zeit weder die hierfür vorgesehenen Räume für Eintragungen im Fahrzeugbrief noch das Beiblatt zum Fahrzeugbrief ausgereicht haben, sodass mit Hilfe von Stempelvorlagen weitere Felder zur amtlichen Eintragung geschaffen werden mussten…

Durch sinkende Schülerzahlen und die Verlegung einiger Klassen nach Tirschenreuth blieb als Grundschulstandort auf dem Gemeindegebiet schließlich nur noch Großkonreuth übrig, sodass die Fahrtrouten neu gestaltet wurden und ein Omnibus fortan ausreichte, der in Griesbach stationiert wurde. Dies führte im Jahr 1992 zur Ausmusterung des TIR-230, der aufgrund seines neuwertigen Zustands und einer Laufleistung von lediglich rund 70.000 km (!) schnell bei Privatunternehmern in Berlin und anschließend in Lingen/Ems untergekommen ist.
Durch die Zusammenlegung der Routen sowie der fortan längeren Fahrtstrecken erreichte der verbliebene Wagen TIR-223 in der Folge deutlich höhere Laufleistungen, sodass der Kilometerzähler bei seiner Ausmusterung nach 25 Einsatzjahren immerhin gut 455.000 km anzeigte…

Vom Schulbus zum Erntehelfer

Aufgrund des guten Pflegezustandes gehörte der Bus jedoch noch längst nicht zum „alten Eisen“, sondern fand eine neue Aufgabe in den Diensten eines Erdbeer- und Spargelhofs in Unterfranken. Dessen Felder liegen verstreut und bis zu 40 km vom Hof entfernt, sodass für die Beförderung der Erntehelfer ein Omnibus notwendig wurde. Außerhalb des Erntezeitraums, welcher sich üblicherweise auf die Monate Mai bis August erstreckte, blieb der Bus abgemeldet, sodass ihm winterliches Streusalz nichts anhaben konnte.

Das drohende Ende…

Anfang Juni 2012 wurde der Bus aufgrund einiger technischer Defekte abgemeldet und bei einem Händler gegen ein neueres Gebrauchtfahrzeug eingetauscht. Da für Standardlinienbusse der ersten Generation aufgrund geänderter Einfuhrbestimmungen selbst in Osteuropa und Afrika kein Markt mehr vorhanden ist, parkte der Bus in der hintersten Ecke des Verkaufsgeländes und wartete vergeblich auf Kaufinteressenten, sodass er durch den Händler schließlich mit allerlei Metallschrott „aufgefüllt“ worden war, um seine letzte Fahrt anzutreten.

Bei unserer ersten Besichtigung Anfang Januar 2013 zeigte sich direkt, dass schnelles Handeln notwendig war: Bedingt durch die bei Wind und Wetter offen stehenden Einstiegstüren gelangten Schmutz und Feuchtigkeit in das Fahrzeug und bildeten einen idealen Nährboden für Sporen, welche sich insbesondere an den Kanten der Sitzflächen eingenistet hatten. Auch die Batterien waren nach der langen Standzeit tiefentladen und nicht mehr zu gebrauchen. Das Blechkleid zeigte sich jedoch in sehr gutem Zustand, sodass wir uns – trotz der bevorstehenden Widrigkeiten, die beim Ausräumen des Innenraums nach einem Kauf eintreten würden – für eine Probefahrt mit dem Wagen, um einen ersten Eindruck von der technischen Seite und nicht zuletzt des Unterbodens zu erhalten. So fanden wir uns wenige Tage später erneut bei besagtem Händler ein, um dem Wagen eine Ausfahrt zu gönnen…

…und die spontane Rettung als Museumsfahrzeug

Im strömenden Regen begaben wir uns schließlich auf die Reise. Der Motor vom Typ D2566 MUH erzeugte zwar ordentlich Blaurauch, hatte jedoch die erwartete Leistung und auch Getriebe, Kupplung, Lenkung und Bremsen verrichteten ihren Dienst einwandfrei. Nachdem wir uns auf der Grube abschließend vom hervorragenden Zustand des Unterbodens überzeugen konnten und lediglich etwas Ölleckage im Bereich des Motors hervortrat, fiel die Entscheidung zum Kauf des Busses. Wiederum wenige Tage später, am 05.02.2013, konnte der Wagen nach provisorischer Eindämmung des Ölverlustes bei einem befreundeten Omnibusbetrieb störungsfrei auf eigener Achse zu seinem neuen Standort überführt werden.

Dort wurde der Wagen in seinem letzten Zustand als Arbeitsvorrat abgestellt, wobei sich bedauerlicherweise nur ein Stellplatz im Freien ergeben hat.
Im Frühjahr 2014 begannen wir mit der Entkernung des Innenraums, welcher bedingt durch die Nutzung des Busses als Erntefahrzeug sowie die zeitweise Lagerung des Altmetalls in der Zeit des Busses beim Händler entsprechend verschlissen war; so müssen beispielsweise die Sitzpolster komplett erneuert werden und auch der über 30 Jahre alte Pegulan-Fußboden ist nicht mehr sonderlich ansehnlich und teilweise wellig, was auf einen entsprechenden Zustand des darunter verlegten Holzbodens hindeutet.

Wir haben uns letzten Endes dazu entschieden, den Wagen trotz der ansonsten noch guten Substanz einer Komplettsanierung zu unterziehen, um nicht in wenigen Jahren erneut von vorne anfangen zu müssen. Arbeiten wie die Entkernung des Innenraums werden wir jedoch weitestgehend in Eigenregie durchführen.
Geplant ist nach erfolgter Aufarbeitung eine Lackierung in der ursprünglichen weiß/blauen Farbgebung aus der Zeit des Busses im Stiftland sowie eine Zulassung als historisches Fahrzeug mit entsprechendem H-Kennzeichen. Aus Komfortgründen wird das Fahrzeug abweichend vom Lieferzustand jedoch eine Bestuhlung mit Polsterbänken aus einem baugleichen Spenderfahrzeug erhalten. Die orangenen Schalensitze bleiben samt Sitzgestellen für unseren O 305 erhalten.


Technische Daten: 

Baujahr: 1979
Motor: MAN D 2566 MUH/241
(6 Zyl. Reihen-Dieselmotor)
Hubraum: 11.334 cm³
Leistung: 177 kW/241 PS bei 2.200 U/min
Getriebe: ZF S 5-80
(5-Gang-Schaltgetriebe)
Höchstgeschwindigkeit: 96 km/h
Länge/Breite/Höhe: 11.240 mm/2.500 mm/2.970 mm
Leergewicht: 9.250 kg
zul. Gesamtgewicht: 16.000 kg
Sitzplätze (einschl. Fahrerplatz) / Stehplätze: 45/45
Kilometerstand bei Übernahme (05.02.2013): 561.977

Historie:

12.09.1979 – 28.07.1983:                   Landkreis Tirschenreuth (TIR-223)
12.09.1983 – 28.07.2003:                   Markt Mähring (TIR-223)
16.04.2004 – 05.06.2012:                   Bauer Reinhart, Rauhenebrach (HAS-BR 777)
05.02.2013 – heute:                   IG Traditionsbus Bayreuth (o. Zul.)

(04/2013, AOP)
letzte Aktualisierung: 27.01.2015

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