Daimler-Benz O 305 (Bayreuth, Wagen 7, 1986)

Wagen 7 – der letzte Mohikaner…

…und das gleich aus mehrfacher Sichtweise.
Als numerisch höchster Wagen der letzten nach Bayreuth ausgelieferten Standard 1-Serie wurde der Bus am 19.09.1986 auf das Kennzeichen BT-SW 7 zugelassen. Dass es dabei genau dieser Wagen werden sollte, der als letzter in der Stadt Bayreuth verbliebener Standard 1 bis ins Jahr 2009 noch in Betrieb anzutreffen war und der nun auch als letzter Bayreuther Standard 1-Bus erhalten bleibt, hat damals freilich niemand geahnt. (Vermutlich nicht einmal, dass es Leute gibt, die einen solchen Bus mal als erhaltenswürdig einstufen…)

Wagen 7 im Jahr 1988

Die gesamte Serie des Baujahres 1986 wurde in der damaligen Farbgebung der Stadtwerke Bayreuth – hellelfenbein und resedagrün – ausgeliefert. Nach einigen Jahren in Originallackierung, wobei zwischendurch die Seitenreklame für ein Modegeschäft dazu kam, erhielt er Anfang der 1990er Jahre eine komplett neue, auflackierte „Pop-Werbung“, die das gesamte Fahrzeug einschloss und den Wagen für eine Bayreuther Einkaufspassage werbend im Bayreuther Stadtbild präsentierte.

Wagen 7 mit seiner Pop-Werbung im Jahr 1992Um den Wagen nach Auslaufens des Werbevertrags Mitte der 1990er Jahre weder in schwarz/blau/roter Farbgebung auf Linie schicken noch die Ursprungslackierung wieder herstellen zu müssen, bot es sich an, das Fahrzeug erneut mit einer Ganzwerbung zu versehen. Es erfolgte eine Lackierung in weiß, grün und minttürkis, um anschließend die Reklame für einen Holzfachmarkt zu platzieren. In dieser Lackierung präsentiert sich der Wagen, welcher aufgrund des „Wellen-Designs“ der Lackierung im Volksmund oftmals als „Schwimmbad“ bezeichnet wird – noch heute.

Wagen 7 mit seiner zweiten Ganzwerbung im Jahr 1998

Das Einsatzende beim städtischen Betrieb in Bayreuth…

Die normale Nutzungsdauer der Omnibusse bei den Stadtwerken Bayreuth umfasst rund 12 bis 14 Einsatzjahre, sodass im Rahmen der ständigen Fuhrparkerneuerung Anfang des Jahres 2000 auf die letzten beiden Standard 1-Fahrzeuge verzichtet werden konnte. Der Wagen 6 und unser Wagen 7, beides Daimler-Benz O 305 des Baujahres 1986, bildeten daher den Abschluss einer Ära, die im Jahre 1969 mit Beschaffung der ersten Standard 1-Wagen begonnen hat. Über rund dreißig Jahre waren die charakteristisch gestalteten Fahrzeuge mit ihrem freundlichen Erscheinungsbild im Stadtgeschehen allgegenwärtig und können daher getrost als bis dato erfolgreichste Busgeneration der Nachkriegsgeschichte bezeichnet werden.

…und die Zeit danach

Wie fast alle Busse der Stadtwerke fanden auch die beiden Wagen 6 und 7 nach ihrer Zeit im städtischen Verkehrsbetrieb eine neue Bleibe bei Privatunternehmen in der Region, wo die stets gut gepflegten Fahrzeuge noch mehrere Jahre als Linienbus oder Schulbus guten Dienst taten. So ist es keinesfalls erstaunlich, dass im Jahr 2005 noch sieben ehemals Bayreuther Standard 1-Stadtbusse in Oberfranken aktiv waren – darunter nicht nur Wagen der letzten Serien, sondern sogar noch zwei Wagen vom Baujahr 1978. Unseren Wagen 7 verschlug es dabei zum Bayreuther Unternehmer Karl-Heinz Kölbl, der ihn als Schulbus im Stadtgebiet einsetzte.

In den darauf folgenden Jahren haben sich die Bestände jedoch gelichtet, sodass im November 2009 erneut unserem Wagen 7 eine traurige Ehre zuteil wurde und er sich als letzter von ehemals über 50 Standard 1-Omnibussen aus seiner angestammten Region nach Sachsen-Anhalt verabschieden musste.

Die Rettung des Wagen 7 als Museumsbus

Nachdem die geplante Umgestaltung zu einem Imbiss-Bus beim Nachbesitzer in Magdeburg (glücklicherweise) nicht zustande kam, fristete der Bus über einen Zeitraum von fast drei Jahren sein Dasein auf dem Betriebshof eines Omnibusunternehmens im Raum Stendal. Durch den Anruf eines Hobbykollegen erfuhren wir im August 2012 von der bevorstehenden Verschrottung des Fahrzeugs, da der Unternehmer keinen Bedarf für das Fahrzeug hatte. Kurzerhand machten wir uns an einem Sonntag auf den Weg in die Magdeburger Börde, wo wir den Bus begutachteten und Probe fuhren. Nach einer Tankrunde haben wir den Wagen dann direkt mitgenommen… Mit einem mulmigen Gefühl ob der langen Standzeit wurden die ersten vorbeiziehenden Orte fast schon gefeiert – das Ziel rückte näher – und so zuckelten wir mit rund 60 km/h als gemütliche Sonntagsfahrer über Gardelegen, Mieste, Oebisfelde, Wolfsburg und Peine in das vorsorglich „klar gemachte“ Übergangsquartier bei Hannover. Nach gut 3 Stunden war es dann soweit und der Bus verschwand, begleitet von den ersten Sonnenstrahlen des Tages, neben Kadett und Ascona der dort tätigen Opelschrauber, hinter einem massiven Holztor in „seiner“ vorläufig neuen Unterkunft. Feierabend!

Kaum verwunderlich, dass bei den nächsten Besuchen immer die Stimmung eines Scheunenfunds dabei war, als sich jenes massive Tor wieder öffnete, die Batterien angeklemmt wurden und man freudig das Erwachen des Dieselmotors erwartete (der übrigens stets völlig unspektakulär auf den ersten Startversuch angesprungen ist!).

Bedingt durch weiteren Fahrzeugzuwachs des Hobbykollegen, auf dessen Standplatz wir den Wagen abstellen durften, war in der Scheune kein Platz mehr für unseren Bus, sodass er im Juni 2013 kurzfristig in das Hannoversche Straßenbahnmuseum Wehmingen übersiedelte und dort schließlich im August 2013 durch uns zurück nach Bayreuth gebracht werden sollte. Natürlich wurde auch diese Überführungsfahrt anfangs skeptisch beäugt – es handelte sich schließlich um die gut dreifache Distanz der ersten Überführung. Dennoch gab sich der Wagen abermals keine Blöße und absolvierte die rund siebenstündige und 430 km lange Überführungsfahrt zurück in seine Heimatstadt Bayreuth ohne Probleme.

In Anbetracht des Alters sind an dem Wagen einige Arbeiten notwendig, um ihn wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen. Bis zur Fertigstellung unseres Wagen 16 wird mit einer Aufarbeitung von Wagen 7 jedoch nicht begonnen, sodass der Bus in seinem aktuellen Zustand als letzter in Deutschland verbliebener Standard 1-Bus der Stadtwerke Bayreuth erhalten bleibt.

Der exakte Kilometerstand ist durch einen zwischen 2009 und 2012 erfolgten Tachotausch nicht mehr bestimmbar – belegt ist jedoch der originale Stand von 599.347 km aus dem Juli 2009. In den wenigen Schulwochen von September bis Ende Oktober 2009 sind keine nennenswerten Laufleistungen zustande gekommen und ab November 2009 beschränkten sich die Einsätze auf die Überführungsfahrt nach Magdeburg bzw. Stendal und einzelne Bewegungsfahrten, sodass ein geschätzter Stand von aktuell ca. 602.000 km realistisch erscheint.


Technische Daten: 

Baujahr: 1986
Motor: Daimler-Benz OM 407
(6 Zyl. Reihen-Dieselmotor)
Hubraum: 11.334 cm³
Leistung: 147 kW/200 PS bei 2.200 U/min
Getriebe: Mercedes-Benz W3D 080
(3-Gang-Automatikgetriebe)
Höchstgeschwindigkeit: 76 km/h
Länge/Breite/Höhe: 11.280 mm/2.500 mm/2.950 mm
Leergewicht: 8.900 kg
zul. Gesamtgewicht: 16.500 kg
Sitzplätze (einschl. Fahrerplatz) / Stehplätze: 37/71
Kilometerstand bei Übernahme (2012): ca. 602.000

Historie:

19.09.1986 – 2000:                   Stadtwerke bzw. BVB, Bayreuth (BT-SW 7)
2000 – 05.11.2009:                   Karl-Heinz Kölbl, Bayreuth (BT-SW 7)
2009 – 05.08.2012:                   Omnibusunternehmen Günter Lösch, Stendal (o. Zul.)
2012 – heute:                   IG Traditionsbus Bayreuth (o. Zul.)

12/2012, AOP
letztes Update: 26.09.2013

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